»Taras Augen« von Katharina Bendixen

Wer­bung. Mei­ne Mei­nung zu die­sem Buch in Wor­te zu fas­sen, fällt mir extrem schwer. Weil ich voll gemisch­ter Gefüh­le bin, weil das Buch wort­wört­lich eine Ach­ter­bahn­fahrt war. Sowohl was die Span­nung angeht, als auch die Emo­tio­nen. Trotz­dem will ich ver­su­chen, euch mei­ne Mei­nung so gut wie mög­lich näher zu bringen.

Meine Meinung

Ich fin­de, der Klap­pen­text sagt alles und nichts zugleich. Ich gebe auch ganz offen zu, dass ich anhand des Klap­pen­tex­tes ande­re Erwar­tun­gen an das Buch hat­te. Viel­leicht habe ich mir gera­de des­we­gen mit dem Ein­stieg in die Geschich­te so schwer getan.

Tara und Alún füh­len sich zuein­an­der hin­ge­zo­gen. Doch ein Streit bringt sie aus­ein­an­der. Und ehe sie sich ver­söh­nen kön­nen, kata­pul­tiert ein ver­hee­ren­der Che­mie­un­fall sie in ein ande­res Leben. Alún bleibt in der sicher ent­fern­ten Groß­stadt und zeich­net sich mit sei­ner Street-Art fast um Kopf und Kra­gen. Tara kehrt in das ver­seuch­te Gebiet zurück und schwimmt um ihr Leben. Wer­den die bei­den wie­der zuein­an­der fin­den?
Quel­le: mixtvi­si­on

Denn was der Klap­pen­text nicht sagt, ist, dass »Taras Augen« gar nicht in unse­rer Rea­li­tät spielt. Das Set­ting mach­te einen leicht dystopischen/futuristischen Ein­druck. Denn die Men­schen sind in Sek­to­ren geteilt, es gibt Droh­nen, die ziem­lich viel über­wa­chen und eini­ges mehr, das zwar alles für die Hand­lung nicht unbe­dingt rele­vant ist, aber auf­grund der Begriff­lich­kei­ten und der Gege­ben­hei­ten bei mir erst ein­mal Fra­ge­zei­chen aus­ge­löst haben. Ganz am Ende des Buches gibt es zwar eine Sei­te mit Erklä­run­gen zu den meis­ten Begrif­fen und Eigen­na­men (sowie ein Namens­ver­zeich­nis), aber ich blät­te­re beim Lesen ein­fach nicht so ger­ne hin und her.

Ein etwas holpriger Anfang

Mit dem Ein­stieg in die Geschich­te habe ich mir wirk­lich ein biss­chen schwer getan. Die Fun­ken zwi­schen »Taras Augen« und mir sind nicht so rich­tig über­ge­sprun­gen. Das lag zumin­dest viel­leicht auch ein biss­chen dar­an, dass die Hand­lung direkt bei dem Che­mie­un­fall star­tet. Wir beglei­ten Tara zu ihrem Schwimm­trai­ning, als ein lau­ter Knall zu hören ist und eine (Chemie-)Wolke sich nach und nach über den Hori­zont zieht. So einen rich­ti­gen Vor­her-Zustand erle­ben wir als Leser*innen gar nicht, wes­halb es mir manch­mal ein biss­chen schwer gefal­len ist, mich in die Cha­rak­te­re hin­ein­zu­ver­set­zen und ihre Hand­lun­gen nach­zu­voll­zie­hen. Ich habe beim Lesen ledig­lich das Leben nach dem Unfall mit­er­lebt, nicht das davor.

»Taras Augen« hat­te anfangs für mich star­ke »Die Wolke«-Vibes - ein Buch und ein Film, die mich in mei­ner Schul­zeit sehr ergrif­fen haben. Den­noch hat sich das Buch anfangs ein biss­chen gezo­gen. Die Span­nung kam mir per­sön­lich ein wenig zu kurz. Das hielt sich aber nur ca. ein Drit­tel des Buches. Danach wur­de es schlimm. Schlimm im Sin­ne von: Wie schmerz­haft kann es werden?

Zwei unterschiedliche Leben

Nach der Explo­si­on in der Che­mie­fa­brik, in der unter ande­rem Medi­ka­men­te her­ge­stellt wer­den, wird Taras Bezirk geräumt. Sie, ihre Mut­ter und ihr Groß­va­ter kom­men in einer Not­un­ter­kunft unter, wäh­rend ihr ehe­ma­li­ger bes­ter Freund Alún, aus des­sen Sicht die Geschich­te eben­falls erzählt wird, mit sei­ner Fami­lie ein neu­es Leben abseits der ver­seuch­ten Zone auf­baut. Hier klafft Reich­tum und Armut ganz klar aus­ein­an­der. Wäh­rend Alúns Fami­lie sich einen Neu­an­fang ohne gro­ße Pro­ble­me leis­ten kann, muss Taras Fami­lie in die Gel­be Zone zurück­keh­ren, als die­se ganz offi­zi­ell wie­der geöff­net wird. Sie gehö­ren zu den ers­ten Rück­keh­rern - ein­zig und allein aus dem Grund, dass sie sich eine neue Woh­nung nicht leis­ten können.

Achtung: Spoilergefahr!

Ab hier gehe ich noch etwas mehr auf den Inhalt ein, um zu erklä­ren, was ich an die­sem Buch so schmerz­haft fand. Wenn ihr euch nicht spoi­lern las­sen wollt, soll­tet ihr von hier zur Über­schrift »Der Erzähl­stil« oder zum Fazit sprin­gen. Alle ande­ren sind dazu ein­ge­la­den weiterzulesen.

War­um tut die­ses Buch so weh? Vie­le Men­schen aus Taras Hei­mat kön­nen sich einen Neu­an­fang nicht ohne wei­te­res leis­ten und leben des­halb mona­te­lang in Not­un­ter­künf­ten. Weil die Regie­rung nicht für die­se sozi­al­schwa­chen Men­schen auf­kom­men möch­te, wer­den ein paar Sta­tis­ti­ken geschönt und das ver­seuch­te Gebiet zur gel­ben Zone erklärt. Ledig­lich ein klei­ner Umkreis um die Fabrik her­um bleibt die rote Zone. Der Grund dafür? Wenn die Regie­rung behaup­tet, dass die gel­be Zone wie­der bewohn­bar ist, hat nie­mand der dor­ti­gen Anwoh­ner ein Anrecht auf eine finan­zi­el­le Ent­schä­di­gung. Denn sie kön­nen jeder­zeit nach­hau­se zurück­keh­ren. Und vie­le haben eben kei­ne ande­re Wahl als dies zu tun, weil sie kein Geld haben. Und sich ein Haus in der »ehe­mals« ver­seuch­ten Zone nicht so ein­fach ver­kau­fen lässt. Kein Geld bedeu­tet also, sich einem gesund­heit­li­chen Risi­ko auszusetzen.

Ehr­lich gesagt war ich beim Lesen scho­ckiert, dass es noch schlim­mer wer­den kann. Denn schon nach kur­zer Zeit zei­gen sich bei den Rück­keh­rern die ers­ten Neben­wir­kun­gen. Erst ist es nur Schwin­del, der die Rück­keh­rer immer mal wie­der über­fällt. Man führt das auf das Beru­hi­gungs­mit­tel zurück, das in der Fabrik her­ge­stellt wur­de und bei der Explo­si­on höchst­wahr­schein­lich aus­ge­tre­ten ist. Aber nach und nach kom­men Gerüch­te auf, dass in der Fabrik auch ein neu­es Medi­ka­ment her­ge­stellt wur­de, von dem es kei­ne Auf­zeich­nun­gen gibt. Und die Neben­wir­kun­gen davon sind für die Rück­keh­rer wirk­lich extrem gra­vie­rend. Und für mich als Lese­rin scho­ckie­rend mit­zu­er­le­ben. Hier wer­de ich nicht mehr sagen, denn das wür­de wahn­sin­nig viel der Span­nung wegnehmen.

Nur so viel: Die Rück­keh­rer wür­den eigent­lich medi­zi­ni­sche Spe­zia­lis­ten benö­ti­gen. Aber natür­lich kön­nen sie sich auch die nicht leis­ten. Sich jetzt doch noch eine Woh­nung außer­halb der gel­ben Zone zu suchen, kommt auch nicht mehr in Fra­ge, denn die Rück­keh­rer müs­sen nicht nur mit gesund­heit­li­chen Pro­ble­men kämp­fen, son­dern auch mit extre­mer sozia­ler Aus­gren­zung. Sie bekom­men weder eine Woh­nung noch einen Job außer­halb der gel­ben Zone.

Der Erzählstil

Ich fin­de, »Taras Augen« wird sehr geschickt erzählt. Näm­lich aus Taras und Alúns Sicht, wodurch wir die zwei mög­li­chen Leben mit­er­le­ben, die es nach dem Unfall gibt. Die Rück­keh­rer, die kei­ne ande­re Wahl haben und sich ihrem Schick­sal erge­ben müs­sen, und die­je­ni­gen, die genug Geld haben sich ein neu­es, gesun­des Leben auf­zu­bau­en. Und genau die­sen Unter­schied mit­zu­er­le­ben, macht die Bot­schaft in die­sem Buch noch ein­mal deutlicher.

Fazit

Nach­dem der etwas holp­ri­ge Anfang über­sprun­gen ist, ist »Taras Augen« ein Buch, das weh­tut. Weil es uns die Rea­li­tät vor Augen hält, in der ein Men­schen­le­ben oft nicht viel Wert ist. In der Ein­zel­ne unter den Idea­len einer Gesell­schaft oder Orga­ni­sa­ti­on lei­den. Somit ist die­ses Buch nicht nur von Außen ein ech­ter Hin­gu­cker, son­dern auch von Innen sehr wertvoll.

Eure Kate
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2 comments

  • Zeilentänzerin says:

    Hal­lo Kate, es freut mich, dass dich das Buch nach anfäng­li­chen Schwie­rig­kei­ten doch noch packen konn­te. Ich fin­de es rein optisch wun­der­schön und sehr gelungen!

    Lie­be Grüße,
    Zeilentänzerin

    Reply
    • Kate says:

      Hal­lö­chen,
      optisch macht das Buch wirk­lich was her. Ist rich­tig schick im Bücherregal 🙂
      Liebs­te Grü­ße, Kate

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